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Kollaborativ im Geschäft: Daten teilen, Servicevorteile erschließen

KI Service - Industrie 4.0

Kollaborativ im Geschäft: Daten teilen, Servicevorteile erschließen

Michael Jochem, Arbeitsgruppenleiter bei der Plattform Industrie 4.0

Von Nils Klute, IT-Fachredakteur und Projektmanager Kommunikation Cloud Services bei EuroCloud Deutschland_eco e.V.

Wollen Fabriken den Zustand ihrer Maschinen überwachen, gelingt das besser, wenn sie kollaborieren. Fließen Daten multilateral, hält das nicht nur Anlagen verfügbar, sondern eröffnet Geschäftsvorteile. Ein neuer Use Case der Plattform Industrie 4.0 stellt die Chancen vor. Wie sich Industrieservice und Service-Meister auf Gaia-X zubewegen.

Anlagen verfügbar halten, um die eigene Produktivität zu sichern – wer Maschinen verlässlich in Betrieb halten möchte, überwacht sie über das Internet of Things (IoT). Egal, ob Schwingungen, Temperaturen oder Betriebsstunden: Große Datensammlungen und Big-Data-Analytics weisen beim Condition Monitoring (CM) den Weg. Jedoch sind die Informationsmengen, die eine Fabrik allein sammeln kann, oft viel zu gering, um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten. Und darüber hinaus ist es Alltag, dass die Maschinenbauer:innen, wenn überhaupt, nur einen kleinen Teil ihrer Daten für die produzierenden Betriebe verfügbar machen. Aber: „Wer Daten kollaborativ nutzt, schafft nicht nur die Informationsbasis, die Big-Data-Analysen brauchen, sondern hievt die industrielle Wertschöpfung auf die nächste Stufe“, sagt Michael Jochem, Arbeitsgruppenleiter bei der Plattform Industrie 4.0.

Mehrwerte der Plattformökonomie aufzeigen

Unternehmen, Gewerkschaften, Verbände, Wissenschaft und Politik haben sich in der Plattform Industrie 4.0 zusammengeschlossen, um die digitale Transformation der Produktion in Deutschland voranzubringen. Mit einem neuen Use Case möchte die Plattform Industrie 4.0 die Wirtschaft auf den Geschmack bringen, ihre Daten intensiver zu teilen. „Collaborative Condition Monitoring (CCM) zeigt auf, welche Mehrwerte Plattformökonomien bieten“, sagt Jochem. Denn: „Tauschen Hersteller:innen, Zulieferer:innen und Anwender:innen ihre jeweiligen Informationen multilateral aus, lassen sich Maschinen zuverlässiger und langfristiger betreiben.“

Daten multilateral teilen und mit KI auswerten

Wo die Herausforderung im Condition Monitoring liegt: Anlagen in Fabriken bestehen aus Komponenten von unterschiedlichen Hersteller:innen. Erlauben es davon nur einige, Daten bilateral zwischen Betreiber:innen und Integratori:innen zu nutzen, entsteht ein lückenhaftes Bild. Bringen dagegen alle Zulieferer:innen und Maschinenbauer:innen ihre Informationen in einen Datenpool ein, komplettiert sich die Sicht auf die Lebensdauer des Equipments. „Die Vision des CCM erweitert das klassische Condition Monitoring um den Aspekt einer weitreichenderen Kollaboration, indem Daten nicht nur bilateral, sondern multilateral über das gesamte Wertschöpfungsnetzwerk gesammelt und geteilt werden“, hält das Ergebnispapier Kollaborative datenbasierte Geschäftsmodelle der Plattform Industrie 4.0 fest.

Lösungsbaustein Verwaltungsschale: Daten sicher, souverän und standardisiert teilen

Wie sich das technologisch realisieren lässt: „Die Verwaltungsschale steht als Referenzarchitektur bereit, um Verfahren, Entitäten und Assets in der Industrie 4.0 standardisiert beschreiben, abbilden und steuern zu können“, sagt Jochem. Über diesen Lösungsbaustein lässt sich der Datenaustausch sicher, interoperabel und rechtskonform regeln. „Jeder steuert jeweils die Informationen bei, die lebensdauer- und zuverlässigkeitsrelevant sind, und greift dabei immer genau so darauf zu, wie er berechtigt ist“, sagt Jochem. Über eine herstellerunabhängige digitale Plattform lässt sich das Gesamtsystem dann zum Vorteil aller optimieren.

Heißt praktisch:

  • Komponentenlieferant:innen verbessern beispielsweise ihre Produkte und managen Ersatzteile besser.
  • Maschinenbauer:innen halten Anlagen verfügbar und Toleranzen im Blick.
  • Und Fabrikbetreiber:innen fertigen produktiver, liefern treuer und prognostizieren Serviceeinsätze über ausreichend große Datenmengen, Big-Data-Analytics und KI.

Daten teilen in der Wirtschaft: Firmen fürchten um Eigeninteressen

Vorteile wie diese lassen sich erschließen, wenn alle weitreichend kollaborieren und ihre Daten verschneiden, verknüpfen und teilen. „Jeder ist willens, einen Use Case aufzusetzen, um etwas auszuprobieren. Jedoch sind nur wenige bereit, Daten mit Dritten zu industrialisieren“, sagt Jochem. „Firmen fürchten um ihre eigenen Interessen und möchten diese vor dem Wettbewerb geschützt wissen.“ Zwar existieren heute für die meisten Herausforderungen technische Lösungen. Aber das tatsächliche Verhalten der Unternehmer lässt sich nur ändern, wenn die Industrie umdenkt. „Digitale Wertschöpfung setzt auf Kooperation, Kollaboration und Koopetition“, sagt Jochem. „Teils läuft das Marktprinzipien entgegen, die seit Jahrhunderten als gesetzt galten.“ Was da für Vertrauen sorgen kann: Gaia-X. Das verteilte und vernetzte Datenökosystem bietet sich nicht nur für die kollaborative Zustandsüberwachung im Industrieservice an, sondern für die Gesamtwirtschaft, um Prozesse übergreifend zu orchestrieren und datenbasierte Produkte und Dienste zu realisieren.

Daten kooperativ über Gaia-X industriealisieren

„Gaia-X formiert sich, um Daten souverän, selbstbestimmt und sicher zu industrialisieren“, sagt Jochem, der seit Sep 2020 auch Mitglied im Vorstand der Initiative ist. „Je mehr Daten dabei alle in das Ökosystem einbringen, desto mehr Werte lassen sich schöpfen.“ Welches volkswirtschaftliche Potenzial das in Europa freisetzen kann, hat das Softwareunternehmen SAP berechnet: Über die Plattform für die agile Datenökonomie Europas sind rund 45 Milliarden Euro bis 2023 möglich – und das bei einem jährlichen Wachstum von etwa 17 bis 19 Prozent.

Gaia-X und Service-Meister: KI anwenden und kollaborativ Werte schöpfen

Aussichten wie diese machen deutlich, wie entscheidend es ist, die Wirtschaft zum Umdenken zu bewegen. „Jetzt kommt es darauf, die Vorbehalte der Unternehmer:innen aufzulösen“, sagt Jochem. Wie das gelingen kann? Zum einen, indem Firmen den Preis ihrer Informationsschätze nicht nur erkennen, sondern auch klar bemessen können. „Bislang fehlen Mechanismen, um den Wert von Daten zu bestimmen“, sagt Jochem. Und zum anderen durch klare Regeln, wie sich Daten tauschen lassen. Jochem: „Beispielsweise hat der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie im Januar 2020 Leitlinien für den verantwortungsvollen Umgang mit Daten und Plattformen erarbeitet.“

Was es dann noch braucht? Projekte wie Service-Meister oder das KI Reallabor, die es der Wirtschaft ermöglichen, KI im Industrieservice anzuwenden, und zu erproben, auf welche unternehmerische Haltung es in der Datenökonomie von Gaia-X ankommt, auf die sich das KI-Projekt mit dem Mittelstand zubewegt: Ende 2022 möchte Service-Meister sein Ökosystem für den technischen in der Industrie 4.0 fertiggestellt haben. Mehr darüber, wie Gaia-X die Datenökonomie vorantreibt und die Wirtschaft auf die Probe stellt, im Interview mit Michael Jochem auf eurocloud.de.